© 1992-2011  by JDKel • JDKe@t-online.de November 2001 23.11.2001 impressum "Harnsch assen" - für Luise Perchner kein Problem Meuselwitz. Das Telefon klingelt. Luise nimmt den Hörer ab. "Ja, ja, der Mann von der Zeitung ist schon da", lacht sie leise. "Das war meine Enkelin", sagt die Frau, "so kümmert sich meine Familie um mich, und das jeden Tag". Luise Perchner ist 75. Am 30. Oktober war ihr Geburtstag. "60 Anrufe hatte ich an diesem Tag", sagt Luise. Woher sie denn das so genau wisse? "Ich habe eine Strichliste gemacht." Fragt man in Meuselwitz nach der Heinrich-Heine-Straße, da muss der eine oder andere schon überlegen. Fragt man aber nach Luise Perchner, da erhält man gleich eine Antwort und bekommt den Weg beschrieben - in die Heinrich-Heine-Straße. Ist die Frau bekannt aus Funk und Fernsehen? Das nun nicht gerade. Aber bekannt im Altenburger Land ist Luise Perchner allemal. Es sind ihre Gedichte in Altenburger Mundart, die sie im wahrsten Sinne des Wortes von einem Tag zum anderen bekannt gemacht haben. "Ich habe schon als junges Mädchen Gedichte geschrieben", erzählt Luise Perchner, "dann aber lange Zeit nicht mehr". Erst Ende der 80er Jahre fing sie wieder an. Die Frau trug auf Gewerkschaftsversammlungen Gereimtes vor. Was einigen damals doch als recht ungereimt erschien. Luise Perchner erinnert sich noch, wie sie angezählt wurde. In einem Weihnachtsgedicht kamen die Zeilen vor: "Es ist gut, dass wir heute Versammlung han, denn morgen stehen wir nach Apfelsinen an". "Da wurde mir doch tatsächlich gesagt, ich möchte künftig solche Verse lassen." Doch Luise Perchner schrieb weiter. 1996 kam dann der große Durchbruch. "Die Ute Schmidt stellte damals das Bauernreiten in Altenburg auf die Beine und sprach mich an. Luise, mach' doch ein Gedicht dazu, sagte sie." Für Luise Perchner war das damals keine leichte Aufgabe. Im Januar war ihr Mann gestorben. Und jetzt ein Festgedicht schreiben? Und auch noch heiter? Eine schwere Aufgabe. Doch Luise schaffte es. Sieben Seiten in Altenburger Mundart trug sie auf dem Markt der Skatstadt vor. "Da müssen 10 000 Leute gestanden haben, die mir zuhörten. Das hat mir überhaupt nichts ausgemacht." Und was die Frau in Altenburger Tracht vortrug, kam an. "Aufträge" folgten. Mit ihren Mundartgedichten hatte sie eine "Marktlücke" entdeckt. So ist sie seitdem beim "Harnsch assen" in Wintersdorf zu Gast. "Das ist ein Heringsessen nach den Faschingstagen", erklärt Luise Perchner. Und den Faschingsorden der Gemeinde hat sie auch schon zweimal aus den Händen von Bürgermeister Thomas Reimann um den Hals gelegt bekommen. "Mir fällt es leichter, in Mundart etwas aufs Papier zu bringen als in Hochdeutsch", bekennt die 75-Jährige, "da ist mehr Spaß rauszuholen". Nun ist der Spaß aber nicht so, dass sich die Balken biegen. Es ist eher ein feiner Humor, es sind die leisen Töne, die die Texte auszeichnen und ihr Publikum finden. Dieses gehört eher zu den älteren Semestern. Volkssolidarität, Seniorenheime, Bund der Vertriebenen - das sind ihre Ansprechpartner. Aber auch im Café auf Burg Posterstein hatte sie schon einen Auftritt. "Altenburger Mundart wird eigentlich nur noch in Dobitschen gesprochen", meint Luise Perchner. In dem kleinen Örtchen wurde sie auch geboren und ist dort gern gesehener Gast bei den Landfrauen - wenn sie ein Gedicht mitbringt. "Über hundert habe ich sicher schon geschrieben, so genau weiß ich das aber nicht", resümiert sie und öffnet ihr "Archiv". Eine weiße Plastiktüte, prall gefüllt mit Handschriftlichem. "Ja, meine Enkel sagen immer, Oma, du hast doch Zeit, sortier' das mal, aber was soll ich machen ..." Doch der anscheinend unübersichtliche Haufen von Manuskripten ist für Luise Perchner eine klare Sache. Sie zieht ein A-4-Blatt hervor und weiß genau, wann und wo sie das Gedicht vortrug. Nicht nur das, sie hat auch den Text noch im Kopf. "Mein Langzeitgedächtnis ist gut", meint sie lakonisch. Das bewies sie auch vor zwei Jahren anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Stadt Meuselwitz. Vor der Orangerie trug sie ein Gedicht vor, in dem sie Originale und Persönlichkeiten - Ärzte, Lehrer und Geschäftsleute - aus der mehr als 100-jährigen Geschichte in Erinnerung brachte. Mit alten Sachen will sie aber nicht aufwarten. Auch nicht in diesem Jahr. "Sehen Sie sich meinen Terminkalender für den Dezember durch." Der halbe Monat ist ausgeplant. Mitunter zwei Lesungen am Tag. "Und alles sind neue Gedichte", sagt Luise Perchner und legt schon einmal los mit ihrer Ansprache an den Weihnachtsmann: "Jetzt kläre ich Dich über meinen Wunschzettel auf, da steht nur Zeug aus der Apotheke und dem Reformhaus drauf." Selbstironie. Luise braucht ihre Gedichte. "Man muss einfach unter den Menschen sein, denn zu Hause ist man zu oft allein", schrieb sie einmal. "Meine Gedichte überbrücken mein Alleinsein", sagt die Frau mit den wachen blauen Augen. Der Novembertag ist grau. Kurz vor Mittag. Das Telefon klingelt. "Sicher wieder ein Auftrag", meint Luise verschmitzt. Sie steht auf und hebt den Hörer ab. An der Wand hängt eine große Urkunde. Diese bescheinigt, dass Luise Perchner seit Februar dieses Jahres Ehrenmitglied des Meuselwitzer Heimat-, Umwelt- und Naturschutzvereins ist. Klaus Peschel